Sexuelle Ausbeutung

Die sexuelle Ausbeutung macht weltweit die größte Ausbeutungsform aus. Betroffen sind hier meist Frauen und Mädchen (83%). Aber auch minderjährige Buben sind betroffen.

Diese Form der Ausbeutung findet hauptsächlich im legalen Prostitutionsgewerbe statt.

Quellen:

Global Report on Trafficking in Persons 2018, UNODC, United Nations

Prostitution

Prostitution ist ein Thema, dass selten angesprochen wird und als Tabuthema gilt. In Österreich wird sie von einem Großteil der Gesellschaft nicht hinterfragt, mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis genommen und als „Job wie jeder andere“ abgetan. Auch deswegen, sind viele Mythen um das Thema entstanden, mit denen wir uns als Organisation lightup beschäftigen und hoffen, ein Licht auf die Geschichten und Erfahrungen von Menschen in der Prostitution zu werfen.

PROSTITUTION IST DAS ANBIETEN VON SEXUELLEN HANDLUNGEN GEGEN ENTGELT.

Es gibt unterschiedliche Definitionen was Prostitution ist und was sie ausmacht. Das Bundeskriminalamt definiert Prostitution als „gewerbsmäßig und gegen Entgelt erbrachten sexuellen Handlungen mit Körperkontakt.“ (Lagebericht 2014)

In der Praxis können neben Geld auch materielle Güter, z. B. Drogen, ein Zahlungsmittel darstellen (Schrader 2013: 23).

Der ehemalige deutsche Kriminalhauptkommissar Paulus betont in seiner Definition, dass es bei Prostitution um das „Anbieten des eigenen Körpers zur sexuellen Befriedigung anderer Personen gegen materielle Entlohnung“ geht (Paulus 2016: 5).

FREIWILLIGKEIT?

Der bekannte Philosoph Jean-Jacques Rousseau sagte, dass die Freiheit des Menschen nicht darin liegt, dass er tun kann, was er will, sondern, dass er nicht tun muss, was er nicht will. Die meisten Personen in der Prostitution haben aber keine wirkliche Wahlmöglichkeit.

Die Grenzen im Bereich der Prostitution und im Sexgewerbe sind oft nicht klar zu ziehen und eine klare Einteilung in „freiwillig“ und „nicht freiwillig“ ist sehr schwierig. Es ist wichtig zu erwähnen, dass wir nicht glaube, dass alle Frauen und Männer in der Prostitution gezwungen werden. Es ist uns aber wichtig, dass die Stimmen derer gehört werden, die durch schlechte Lebensumstände, Missbrauch, Armut und Perspektivenlosigkeit in der Prostitution gefangen sind. Opferschutzeinrichtungen sprechen nach ihren Einschätzungen von 5% Freiwilligkeit, 20% Menschenhandel zur sexuellen Ausbeutung (=direkter Zwang) und einem 75% „Graubereich“, der nicht klar definierbar ist. Also Menschen, die nicht direkter Gewalt bedroht werden, aber deren Umstände sie zur Prostitution zwingen.

Auch von Seiten der Polizei gibt es, zumindest in Deutschland, einige kritische Stimmen. So schätzen beispielsweise die Polizisten Sporer aus Augsburg oder Ubben aus Hamburg den Anteil derer, die sich aufgrund unterschiedlichster Zwänge prostituieren, sogar auf bis zu 90 % bzw. 95% (Sporer 2013: 5; Andrick 2012).

Sandra Norak, die selbst einige Jahre in der Prostitution war und den Ausstieg geschafft hat, sagte in einem Interview mit uns folgendes: „Wenn man tiefer blickt, sieht man, dass die Lebensumstände die Menschen in die Prostitution gezwungen haben. Es ist wie wenn jemand von einem brennenden Gebäude springt – man kann natürlich sagen derjenige hat freiwillig gewählt zu springen. Man kann aber auch sagen, diese Person hatte keine Wahl. Ich möchte nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die sich prostituieren und für die es okay sein mag, aber das ist nicht die große Masse, sondern nur ein kleiner Bruchteil. Für die große Masse bedeutet Prostitution gefangen zu sein. Gefangen in einem Leben voller Gewalt und voller Lügen. Prostitution bedeutet für diese Menschen ein enormes Ausmaß an unsagbarem, nie wieder gut zu machendem Leid.“ (aus dem Interview im Jahresbericht von lightup Deutschland)

ZAHLEN UND FAKTEN

„Die Ausübung der Prostitution ist in Österreich durch Bundes- und Landesgesetze geregelt und daher unter Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen legal. Seit 1984 sind Sexdienstleisterinnen und Sexdienstleister einkommenssteuerpflichtig, die Möglichkeit der Sozialversicherung folgte 1998. Der Oberste Gerichtshof hat am 18. April 2012 sein Urteil aus dem Jahr 1989 revidiert und festgestellt, dass bezahlte Sexdienstleistungen nicht mehr sittenwidrig sind.“ (BKA 2017)
97% der in Wien registrierten Menschen in Prostitution, kommen aus dem Ausland. Die Meisten kommen aus Rumänien, Ungarn, Bulgarien, der Slowakei, China oder Nigeria. Mit Stand 2017 waren beim Bundeskriminalamt an die 354 Rotlichtbetriebe gemeldet, die hauptsächlich als Bordelle, Laufhäuser, Saunaclubs, Go-Go-Bars, Bars, Studios, Animierlokale sowie Peep-Shows geführt werden. Abhängig von dem Ort der Prostitutionsausübung variieren z. B. Preise, Sicherheit oder Gewaltrisiken. In den letzten Jahren gewinnt das Anbieten von Sexdienstleistungen via Internet sowie in Laufhäusern immer mehr an Bedeutung. Die Wohnungsprostitution - also die Ausübung sexueller Dienstleistungen in Privatwohnungen - ist in allen Bundesländern verboten. Ein großer Trend sind auch Großbordelle, in denen bis zu 60 Frauen der Prostitution nachgehen.

IN DER PROSTITUTION SIND MIT GROSSER MEHRHEIT FRAUEN TÄTIG. SEXKÄUFER SIND HINGEGEN ZUM GROSSTEIL MÄNNLICH

2017 waren 3442 Frauen in der Prostitution registriert. Im Gegensatz dazu waren 66 Männer registriert.
Leider gibt es wenige empirische Studien in diesem Bereich. Man geht aber davon aus, dass ein sehr großer Teil der Nachfrage nach Prostitution von Männern kommt. Auch männliche Prostituierte werden großteils von Männern gekauft.

PROSTITUTION UND DAS GELD

Viele glaube, dass Menschen in der Prostitution viel Geld verdienen und rechtfertigen damit, dass Prostitution ja „ganz okay“ sei.
Es stimmt, dass für viele das schnelle Geld ein Zugfaktor in die Prostitution ist. Bei den Meisten Frauen (und Männern), bleibt aber kaum etwas von dem Verdienten Geld übrig.

Ein Beispiel: Eine Frau in der Prostitution hat durchschnittlich 7 Freier pro Tag. Mit Kondom kostet das ungefähr 30€. Somit macht sie 210€ am Tag. Wenn sie 5 Tage die Woche arbeitet, sind das 4200€ monatlich. Das klingt erstmal nicht so wenig. Wenn wir aber die Ausgaben anschauen, die Organisationen die direkt mit Betroffenen arbeiten bestätigen, dann zahlt sie erstmal ca. 120€ Miete im Bordell. Und das pro Tag. Das macht im Monat 2300€. Für die Wohnungsmiete oder die Zimmermiete im Bordell für Übernachtungen zahlt die Frau nochmal mindestens 800€. Für tägliche Ausgaben (Kleidung, Kondome, Essen,…) berechnen wir ca. 400€. Was bleibt, sind 700€.

Was in der Berechnung jetzt aber noch nicht drinnen ist:
die Meisten Frauen haben einen Zuhälter, dem sie mindestens 50% ihrer Verdienste abgeben müssen. Viele Frauen, schicken Geld zu ihren Familien nach Hause oder haben Kinder im Ausland zu versorgen.

In Österreich zählt Prostitution zur „neuen Selbstständigkeit“. Das heißt die Frauen und Männer, die registriert sind zahlen Steuern an den Staat. Wer Bekannte im Bereich der Selbstständigkeit hat weiß, das ist nicht wenig, was man Abzugeben hat. Um Kranken- und Unfallversichert zu sein, gibt man Grundsätzlich die Hälfte seines Verdienstes ab.

Wie man sieht: der Mythos der „reichen Prostitutierten“ geht nicht auf.
Wenn du über weitere Mythen in der Prostitution lesen willst, dann kannst du dir die „18 Mythen über Prostitution“ von der „European Womans Lobby“ durchlesen.

PROSTITUTION IST MIT EINEM HOHEN GEWALT- UND GESUNDHEITSRISIKO VERBUNDEN

In einer Studie gaben mehr als 50 % der befragten prostituierten Frauen an, schon einmal Opfer einer Gewalttat durch Sexkäufer, Zuhälter oder Bordellbesitzer geworden zu sein (Deutsche Studie des BMFSFJ, siehe „Quellen“). Außerdem wurde festgestellt, dass Prostitution oft mit schweren körperlichen und psychischen Belastungen verbunden ist und überwiegend von Personen ausgeübt wird, die besonders leicht verwundbar sind:

41 % berichten, körperliche oder/und sexuelle Gewalt in der Prostitution erlebt zu haben

25 % hatten gelegentlich oder häufig Selbstmordgedanken

41 % konsumierten in den letzten zwölf Monaten Drogen

Viele wiesen gesundheitliche Beschwerden u. a. im gynäkologischen sowie im Magen-Darm-Bereich auf.

Diverse nationale und internationale Untersuchungen haben weiterhin ergeben, dass viele sich prostituierende Frauen in ihrer Kindheit und/oder Jugend sexueller, psychischer und körperlicher Gewalt ausgesetzt waren.

Heide, ehrenamtlicher Gynäkologe bei der Fachberatungsstelle „Amalie“ für Frauen in der Prostitution, beschreibt den Gesundheitszustand der meisten sich prostituierenden Frauen als katastrophal (2016: 9). Er berichtet von schwangeren Frauen, die sich bis kurz vor der Entbindung prostituieren und dem Druck einiger Frauen nach der Geburt trotz Geburtsverletzungen wieder durch die Prostitution Geld zu verdienen (ebd.: 2ff.). Die sich prostituierenden Frauen müssen dabei Ekel und Abneigung unterdrücken (ebd.: 9).

In Deutschland ist es außerdem problematisch, dass viele sich prostituierende Personen nicht krankenversichert sind. Die Einschätzung von Heide, dass ca. 90 % aller Frauen in der Prostitution keine Krankenversicherung haben, deckt sich mit den Ergebnissen der Studie des Robert Koch-Instituts von 2015. Eine durch die Bundesregierung beauftragte Evaluation des Prostitutionsgesetzes ergab, dass zwar die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen wurden, damit sich prostituierende Menschen Zugang zu einem Beschäftigungsverhältnis und zu Sozialversicherungsleistungen erlangen können, jedoch wurde dies kaum in Anspruch genommen. Nur 1 % der Befragten gab an, einen Arbeitsvertrag als Prostituierte zu haben und nur wenige waren als Prostituierte krankenversichert (BMFSFJ 2007: 16, 80).

PROSTITUTION UND SEXISMUS SIND ENG MITEINANDER VERKNÜPFT.

Einige Organisationen und Experten/innen sehen in der Prostitution durch die Vermarktung von Frauenkörpern eine Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.

Rahel Gugel z. B. bezeichnet die Prostitution als ein sexistisches System**. Dies zeige sich im Frauenbild, welches von der Sexindustrie sowie der Werbung verbreitet wird, aber auch in den Kommentaren und Bewertungen in sogenannten Freierforen zu finden ist. Das „Lusthaus“- Forum wirbt beispielsweise mit dem Slogan: „Huren, Escorts und Bordelle im anonymen Ficktest“ und „brüstet sich damit die „Stiftung Hurentest“ zu sein, ganz „ohne Zensur“.

Bei Interviews mit verschiedenen Freiern im Bordell Paradies, bekommt Bettina Flitner auf ihre Frage „Warum sind Sie hier?“ unter anderem folgende Antworten:

„Warum ich für Sex bezahle? Frauen gehen mir oft auf den Sack. Sie machen Stress. Dafür zu zahlen, das hat was. Ins Gesicht abspritzen kostet 50 extra. Eigentlich ist das Macht. Man kann mit der Frau machen, was man will.“ (Christian, 23, Kaufmann, Single) (http://bit.ly/2vHv0h8)

„Wenn man in so einen Club geht, ist man mit normalen Frauen nicht mehr zufrieden. Die Figuren! Meine Tochter ist 26, ich achte darauf, dass die Frauen mindestens 27 sind. Viele hier haben Zuhälter, das habe ich schon selbst gesehen." (Joachim, 58, Ingenieur, getrennt, 1 Tochter) (http://bit.ly/2gB600j)

Dass sich Freier zum Teil als Konsumenten betrachten, die sich ihre Ware im Bordell aussuchen, um ihr eigenes sexuelles Verlangen zu befriedigen, verdeutlicht das folgende Zitat: „Also für mich ist das, war das so, als wenn die eine Ware ist, als wenn ich in einen Laden gehe und mir eine neue Tür oder irgendwas kaufe. So ist das auch […]“ (Gugel 2011: 64)

Grenz stellt in ihrer empirischen Studie folgendes über käufliche Sexualität fest: „Sex ist männlich, wichtig, hat mit Liebe nichts zu tun und kann von Männern konsumiert werden“ (2007: 161).

Auch stellt sich die Frage nach Machtverhältnissen und Gleichberechtigung. Ein Mann, der eine Frau kauft, glaubt meist, dass er mit ihr machen kann,w as er will. Er hat ja dafür bezahlt. Auch das Geschlechter Ungleichgewicht in Angebot und Nachfrage, zeigt ein Verhältnis, dass keine Gleichstellung zwischen Männern und Frauen zulässt.

** Sexistische Vorstellungen beruhen auf der Ansicht, dass Frauen aufgrund ihres Geschlechts von Natur aus zweitrangig sind. Sexismus zeigt sich in „Vorurteilen, Weltanschauungen, in sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Regelungen, aber auch individuell-persönlich in Form faktischer Gewalttätigkeit oder Ausgrenzung vor.“ (Gugel 2011: 39)

Quellen:

- Bundeskriminalamt- https://bundeskriminalamt.at/303/files/Web_Menschenhandel_Bericht_2014.pdf

- Schrader, K. (2013): Drogenprostitution. Eine intersektionale Betrachtung zur Handlungsfähigkeit drogengebrauchender Sexarbeiterinnen. Bielefeld: Transcript Verlag.

- Paulus, M. (2016): Im Schatten des Rotlichts. Verbrechen hinter glitzernden Fassaden. Ulm: Verlag Klemm+ Oelschläger.

- Die Presse- http://diepresse.com/home/panorama/wien/5240571/Die-Rueckkehr-des-Kinderstrichs- ins-Wiener-Stuwerviertel

- Sporer, H. (2013): Vortrag zum Seminar der European Women`s Lobby „Reality of Prostitution“ am 01.10.2013 in Brüssel. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2r0DlVY.

- BMFSFJ (Hrsg.) (2004a): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zur Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2kRmhOX.

- BMFSFJ (Hrsg.) (2004b): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Ergebnisse der repräsentativen Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Kurzfassung. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2lzkTV8.

- BMFSFJ (Hrsg.) (2007): Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz–ProstG). Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2eX7HFd.

- Dt. Bundestag (2016): Gesetz zur Regulierung des Prostitutionsgewerbes sowie zum Schutz von in der Prostitution tätigen Personen. Bundesgesetzblatt Jahrgang 2016 Teil I Nr. 50. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2sj2L3d.

- Niesner, E. (2014): Stellungnahme FIM – Frauenrecht ist Menschenrecht e. V.. Zugriff am 24.09.2017 unter http://bit.ly/2lDF8kU.

- Gugel, R. (2011): Das Spannungsverhältnis zwischen Prostitutionsgesetz und Art. 3 II Grundgesetz. Eine rechtspolitische Untersuchung. Berlin.

- Herriger, F. (2017). „Stiftung Hurentest“ - Im Tripadvisor der deutschen Freier. Vice. Zugriff am 21.09.2017 unter http://bit.ly/2wObpL2.

- Grenz, S. (2007): (Un)heimliche Lust. Über den Konsum sexueller Dienstleistungen. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

- ZDF Dokumentation „Bordell Deutschland- Milliardengeschäft Prostitution“